Wilfried Steinert in Oyten – Bericht von der Veranstaltung zum Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung

Die gebundene Ganztagsschule ist ein Erfolgsmodell aus europäischen Ländern wie Dänemark, Schweden und Finnland, das durch Bildungsstudien wie der PISA-Studie bestätigt wird.

Das Bildungssystem in Deutschland hingegen hängt in der PISA-Studie weiterhin zurück.

Einer der Gründe ist die sich immer weiter öffnende soziale Schere in Kombination mit einem Schulsystem, dem es nicht gelingt, soziale Benachteiligungen aufzufangen. Gut gestellte Elternhäuser bieten bessere Möglichkeiten für Bildungserfolge der Kinder als Familien, in denen die Kinder nicht gefördert werden (können). Die Spaltung unserer Gesellschaft wird dadurch weiter potenziert.

Was hat die gebundene Ganztagsschule damit zu tun?

Das hat der Bildungsexperte Wilfried Steinert ist seinem Vortrag am 27. Mai im Saal des Alten Krugs in Oyten auf Einladung der Grünen erläutert. Steinert kann eine beachtliche berufliche Karriere vorweisen. Vom Fernsehelektriker zum Pfarrer zum Lehrer zum Schulleiter zum Schulpreisträger zum Berater des Bildungsministeriums Brandenburg ist er Pädagoge durch und durch. Er tourt quer durch das Land und bietet Informationsveranstaltungen für Kommunen zur Ganztagsgrundschule und Fortbildungen für Lehrerkollegien an.

Die Idee, Steinert nach Oyten zu holen, kam von Karin Labinsky-Meyer, die inzwischen als Großmutter mit dem deutschen Bildungssystem hadert: „Seit gefühlt über vier Jahrzehnten setzen wir uns für ein Bildungssystem ein, beim dem die soziale Herkunft keine Rolle spielt. Seit Jahren kämpfen wie für eine Verbesserung der Bildungschancen der Kinder und für mehr Verlässlichkeit bei der Betreuung für die berufstätigen Eltern.“ Sie sei daher sehr froh, dass die niedersächsische Regierung von SPD und Grünen den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung auf den Weg gebracht habe.

Wenn man sie richtig umsetze, erläuterte Steinert, biete die Ganztagsschule allen Schülerinnen und Schülern die Möglichkeiten, ihre Fähigkeiten zu erkennen, zu erproben und gefördert zu werden. Kinder lernen gemeinsam, rhythmisiert in der Zeit von 7.30 bis 15.30 Uhr.

Lernphasen wechseln sich als mit Sport, Musik oder Handwerksprogrammen. Es wird gemeinsam gegessen, wobei gleichzeitig auf Esskultur und gesunde Ernährung geachtet wird.

Lehrkräfte lernen ihre Schüler*Innen in eigens dafür eingerichteten Zeitfenstern besser kennen und sprechen nicht nur über Fachliches. Die Kinder fühlen sich gesehen und können von einem „Überlebensmodus“ in einen „Lernmodus“ wechseln.

Hausaufgaben gibt es nicht im Ganztag. Ohnehin seien Hausaufgaben laut wissenschaftlicher Studien die sinnloseste pädagogische Maßnahme im Schulsystem, erläutert Steinert.

Kooperationen mit externen Organisation böten viel bessere Chancen, Wissen zu erlangen und Gemeinschaft zu erleben. Mit der freiwilligen Feuerwehr, mit Landwirtschaftsbetrieben, mit den örtlichen Sportvereinen, dem THW, einem Zirkus, Musikschulen, Tanzschulen – viele Beispiele sprudelten aus dem engagiert vortragendem Steinert.

Für den gebundenen Ganztag braucht es eine Menge Ideen und Organisation, Räume und Personal – und das alles ist kostenintensiv. Steinert gibt das bereitwillig zu, betont aber das für unsere Kinder verwendete Geld sei für unsere Zukunft gut angelegt.

Konkurrierende Modelle zur gebundenen Ganzutagsschule sind der teilgebundende Ganztag, der nur an zwei oder drei Wochentagen das Ganztagsmodell anbietet, sowie der offene Ganztag, wo der Unterricht um 14 Uhr endet und die Teilnahme an Nachmittagsaktivitäten freiwillig ist.

Mit seinem Vortrag konnte Steinert das Publikum überzeugen. Bei einer seinem Vortrag anschließenden Abstimmung, welche Form der Ganztagsschule in Oyten anzustreben sei, gab eine große Mehrheit der vollen Ganztagsgrundschule ihr Votum (17 von 22 abgegebenen Stimmen).

Das ist eine herausfordernde Aufgabe für die Gemeinde, die sie eigentlich schon seit fünf Jahren angehen muss.

Diese Veranstaltung wurde zwar vom Oytener Ortsverband Bündnis 90/Die Grünen organisiert und vom grünen Bürgermeisterkandidaten Björn Meyer moderiert, aber ausdrücklich nicht als Wahlkampfveranstaltung angelegt. Wilfried Steinert begrüßte das: „Wenn es um Bildung unserer Kinder geht, müssen wir parteiübergreifend so handeln, wie es die Sach- und Fachkenntnisse aus pädagogischer Forschung uns empfehlen.“

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